„Endlich kann ich reisen“

Gestern kam ein Kollege bei mir im Büro vorbei um sich zu verabschieden, weil das Rentnerdasein ruft. Neben den üblichen Gesprächen über den letzten Lebensabschnitt haben wir uns auch über den Urlaub unterhalten. Da ich weiß, dass er ein Haus in Spanien hat, war mir natürlich klar, dass er nicht die ganze Zeit in Deutschland bleibt. Bemerkenswert war aber, was er über die Fahrt nach Spanien sagte: „Endlich kann ich reisen und muss nicht immer kurz in den Flieger, denn es ist ja nie wirklich Zeit anzukommen“.

Genau den Eindruck hatte ich 2012, als ich mit ein paar Freunden von zu Hause losfuhr um bis in die Türkei zu reisen. Vier Tage hat es gedauert. Auf der Autobahn, im Stau durch wundervolle Landstraßen und Autobahnen in Nordgriechenland, mit dem Schiff, mit Zufallsbekanntschaften unterwegs und und und.

Die gut 3000 km auf der Hinfahrt waren ein echtes Schlüsselerlebnis. Nicht mal eben in den Flieger und in drei Stunden bin ich in Istanbul. Gute vier Tage haben wir gebraucht. Da bekommt der Begriff „Ankommen“ eine ganz andere Bedeutung. Denn zwischen Start und Ziel gibt es jede Menge Erlebnisse.

Wir haben zwar hauptsächlich Autobahnen genutzt, aber immer wieder zwischendurch die Landstraßen aufgesucht. Die Autobahn von Igoumenitsa ist die schönste Autobahn, die ich kenne. Langgezogene Kurven nur unterbrochen von ein paar Zahlstationen.

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Unterwegs holt uns eine Bekannter aus einem Forum an einer dieser Zahlstellen ein. Er ist auch unterwegs in die Türkei und wir hatten mehrmals Tipps im Forum ausgetauscht.

 

In der Türkei wird uns an jeder Tankstelle erst einmal ein Tee angeboten. Hält man an der Straße an und will mal so sicherheitshalber in die Karte schauen, stehen binnen Minuten einige Einheimische um uns rum und versorgen uns mit guten Ratschlägen für den Weg. Oder wir treffen unterwegs einen anderen Mopedfahrer aus der Türkei, der in seinem Urlaub sein Land kennenlernen will.

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In einem unbeleuchteten Tunnel in der Türkei rutsche ich auf den Zentimeter dicken Schlamm einfach weg und liege wie ein Käfer neben meinem Moped. Sofort halten Arbeiter von der nahegelegenen Staudammbaustelle an und wollen mich ins Krankenhaus bringen. Ist aber alles gut gegangen. Bei 30 km/h kann nur wenig passieren.

Oder die Biker kurz vor Konya, als wir gerade eine kleine Pause machen. Von feinen italienischen Slippern bis zur „korrekten“ Motorradkombi waren die Jungs mit ihren Joghourtbechern unterwegs. Übrigens der Mann mit der Motorradkombi war ein Muezzin aus einer örtlichen Moschee. Gute Mopedklamotten sei er seinem Gott schuldig, denn ohne könnte er ja vielleicht nicht mehr seinen Job machen, war seine Antwort auf meine Nachfrage zur Schutzkleidung auf den Mopeds der türkischen Biker.

 

Für mich ist Reisen erleben. Auch wenn es mal wieder stundenlang schifft und das Wasser doch irgendwann mal seinen Weg findet. Das ist, glaube ich, auch der Unterschied zum Auto. Die Natur ist einem näher. Beim Fahrradfahren ist sie noch näher. Vor zig Jahren bin ich mal mit dem Rad durch Belgien, die Eifel und den Rhein entlanggefahren. Klasse, wenn man mal zum zweiten oder dritten Mal am Tag so richtig nass wird. Oder mit allem Gepäck irgendwelche Berge hochfahren muss und die Abfahrt mal wieder viel zu schnell vorbei ist, bevor es wieder bergauf geht.

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Und auf wie viele total freundliche Menschen man so trifft. Mit dem Moped ist es aus meiner Sicht viel einfacher mit den Menschen in Kontakt zu kommen. Die Männer interessieren sich für allerlei technischen Kram. Die Kidis wollen mal mitfahren oder zumindest draufsitzen und ordentlich hupen. Oder ich treffe andere Reisende. Wir tauschen uns über unsere Erfahrungen aus. Wo ist es toll, welche guten Strecken kommen noch, oder wir fahren ein paar Tage in die gleiche Richtung.

Das Alles macht für mich Reisen aus. Auf der Reise entstehen geistige Bilder, an die ich mich noch nach Jahren gerne erinnere. Was weiß ich denn noch von meinem Flug von vor 10 Jahren?

Das Alles hätte ich im Flugzeug nicht erlebt. Ich wäre dann halt nur da, am Ziel. Aber alles hat seine Berechtigung.

Das Alles werde ich hoffentlich in den drei Monaten erleben.

Das Alles braucht Zeit. Manchmal ist aber einfach nicht genug Zeit zum Reisen. Dann geht es um die Erholung. Schnell am Ziel, ein paar tolle Tage haben, schnell wieder zu Hause.

Noch ein Video

Was soll ich sagen, bin immer noch beim neuen Videoschnittprogramm und lerne immer mehr 🙂 . Jetzt habe ich mal versucht einen Trailer für unsere Tour zu erstellen.

Die Musik im Hintergrund ist von einem iranischen Rocksänger: Mohsen Yeganeh. Kein schlechter Sound, wie ich finde.